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 Über den Maler Karsten Krause

 Der Maler und Bildgestalter Karsten Krause (Jg. 1968) ist in Berlin tief verwurzelt. In der Hauptstadt geboren und aufgewachsen, hat er an der Universität der Künste Berlin studiert, malt und arbeitet in der Stadt und hatte hier die meisten seiner bisherigen Ausstellungen. Sein Atelier in einem Künstlerhaus in einer ehemaligen Pianofabrik befindet sich zwischen Treptow und Neukölln unmittelbar an der ehemaligen Berliner Mauer, er ist ein Grenzgänger zwischen traditioneller und postmoderner Malerei in einem ästhetischen Mienenfeld. Meisterschüler bei Professor Volker Stelzmann, hat er sich schon während des Studiums und radikaler als seine Mitstudenten vom ästhetischen Bildkonzept seines Lehrers abgewandt. Ist, wenn man es so sagen will, aus der Art geschlagen. Nicht etwa, weil er nicht zu den „dicken Kindern gehören wollte, mit denen niemand spielen will“, der spätrealistischen Darstellung menschlicher Figuren und ihrer Beziehungen der Neuen Sachlichkeit der Leipziger Schule, sondern weil er eigene, andere Wege erproben will. Karsten Krause betritt seine Staffelei nicht mit einem fertigen, abgeschlossenen Bildkonzept, sondern tastet sich vorsichtig an sein jeweiliges neues Werk heran. Ihm ist die Prozesshaftigkeit der Gestaltung sehr wichtig, „Der Zufall muss erarbeitet werden“. Er reagiert auf die gerade entstehende Form oder Farbe mit anderen Formen und Farben, führt einen spielerischen Dialog mit seiner Kreativität.

Große Aversionen hat Karsten Krause vor dem allzu Klarem, dem Eineindeutigen, dem didaktischen Bildinhalt, möchte lieber doppelbödig, vielschichtig sein. Oft mit Kreide, Bleistift oder Aquarell beginnend, setzt er sein Werk mit Acryl und Öl fort, mixt die Farbtypen und gestalterischen Mittel, baut es Schicht für Schicht auf, zitiert verschiedene Maltechnologien, setzt auch Schablonen ein oder/und bedient sich des Zufallsprinzips, klebt kleine Skizzen dazu, die es kommentieren, aber nicht unbedingt im gleichen Zusammenhang entstanden sind. Phantasie ist ihm wichtiger als die korrekte Darstellung von Perspektive und Raum. So entstehen seine Bilder und Collagen auf Leinwand oder Papier, die zuweilen wie überdimensionierte Tagebucheinträge wirken, wie die Skizzen seines Unterbewusstseins, in farbiger Gestaltung aufgelöst, die sich als Zitate mit den Freiräumen gegenseitig kommentieren. Nach einer frühen, dunkel düsteren Phase arbeitet er in den letzten neun Jahren mit einer hellen, kühlen und farbigen Palette.  

Das sein Oeuvre bislang nur rund dreihundert Arbeiten umfasst, liegt an der oft mehrfachen Übermalung seines Werks, der Schichtung über bisheriges Schaffen und an seiner erstaunlichen Langsamkeit. Drei große Themenlinien lassen sich bei Krause beobachten: „Abschirmung“, „Welt im Wandel“ und „Meine Kosmen“, wie er sie selbst benennt. Doch auch dabei mixt er zuweilen seine Motive und Themen, es gibt diverse Überscheidungen und Bezüge. Er will sich möglichst nicht festlegen lassen, lässt oft Bildbereiche unbearbeitet oder nahezu, die Papierfarbe oder der Leinwandgrund sind Teil seiner Gestaltung, er will es, auch der Phantasie seiner Betrachter, offen lassen. An Beschreibungen wie Poppostmoderne oder Postpopmoderne zweifelt er, will in keine Schubladen, sich nicht festlegen lassen. 

Er fordert den offenen, unvoreingenommenen Blick, besteht darauf, nicht übermäßig marktgängige Werke zu schaffen, ist skeptisch gegenüber allem schon Gesehenen, besteht auf die Freiheit, auch der Augen. Nimmt dafür in Kauf, dafür auch von seinen Betrachtern abgelehnt zu werden. Krause betreibt keine Gefälligkeitsmalerei, seine Art in verschiedenen Ebenen und Dimensionen seine Bilder zu gestalten, fordern seine Betrachter zu aktiver Mitwirkung, sein Werke erinnern zuweilen an Rauschenberg.  Er schreckt von Sehkonventionen auf, stößt zuweilen ab, bricht Traditionen, wagt sich in ungesehene Bereiche, hat den Mut zum Fragmentarischen. 

Die menschliche Figur ist bei Krause im Gegensatz zu seinem Meister Stelzmann, wenn sie überhaupt in seinen Bildern erscheint, oft nur ein Umriss, ein Torso, ein Schemen. Oft wiederkehrende Motive bei Maler Karsten Krause sind die Flugzeuge, welche für Technik, Transport, Zivilisation eine Chiffre sind, die Regenschirme aus der „Abschirmung“ mit den Farbflusstentakeln, die vielleicht für die Verletzlichkeit des Einzelnen stehen, die notenlinienartige Striche als Bruchstücke aus festgelegten, starren Systemen sowie das Tröpfelprinzip, das den Zufall repräsentiert.

Die gegenseitige Kommentierung von Farbe, Form, Motiv, von gestalteter und unbearbeiteter Fläche, von harmonisch fließender und abrupt disharmonischer Komposition sind bei Krause eine Widerspiegelung der Störung des allgemeinen Sinnzusammenhangs. Auf seiner Leinwand, seinem Papier tanzen die Verhältnisse, sie eröffnen dem Aufmerksamen auch seinen Berliner Schalk. Er möchte es offen lassen.


Carl Ceiss, Februar 2010


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